Wie hat sich das Verständnis von Mission historisch entwickelt?
Die Vorstellungen davon, was unter „Mission“ zu verstehen ist und wie diese auszusehen hat, haben sich im Laufe der Geschichte des Christentums mehrfach grundlegend verändert. Im alltäglichen Sprachgebrauch herrscht bis heute oft ein Bild vor, das stark im Zeitalter der europäischen Eroberungen vom 15. bis Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Das Christentum war zunächst in weiten Teilen der Welt noch nicht präsent und die Menschen in Europa betrachteten ihre eigene Zivilisation und Religion als allen anderen überlegen.
Der Begriff „Mission“ selbst etablierte sich erst in diesem Kontext und wurde dabei primär geografisch als Verkündigung des Evangeliums in den neu eroberten Gebieten verstanden. Ihr Ziel war die Bekehrung zum Christentum und möglichst vollständige „Evangelisierung“ der Welt. Dabei diente die damalige Vorstellung, dass außerhalb der Katholischen Kirche kein „Heil“ zu finden sei auch als Rechtfertigung für koloniale Fremdbestimmung. Dieses eurozentrische Missionsverständnis hat sich im Zuge der fortschreitenden Entkolonialisierung seit Mitte des 20. Jahrhunderts fundamental gewandelt und wurde von Papst Franziskus (2013-2025) weiter reformiert. Das betrifft zum einen das Ziel von Mission als Evangelisierung. Darunter wird heute nicht mehr primär die Anwerbung neuer Christ*innen und das quantitative Wachstum der Institution Kirche verstanden, sondern das Erfahrbar-Machen der christlichen Botschaft in der Welt. In diesem Sinn sollen Christ*innen ihren Glauben an die bedingungslose Liebe Gottes zu den Menschen authentisch in Wort und Tat leben und sich dafür einsetzen, dass alle Menschen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen können.
Seit dem II. Vatikanischen Konzil von 1962-1965 erkennt die Katholische Kirche zudem die Bedeutung und den Wert anderer Religionen und Glaubensvorstellungen offiziell an. In der Begegnung mit Nicht-Christ*innen geht es ihr nicht mehr um die „Durchsetzung“ ihrer Botschaft und einseitige Verkündigung, sondern um den Dialog über die jeweiligen Glaubensvorstellungen und gemeinsame Wege zu einer menschlicheren Welt. Zum anderen hat die geografische Bestimmung von Mission heute stark an Bedeutung verloren.
War Mission früher ein Bereich kirchlichen Handelns neben und unter anderen und weitgehend auf die „noch nicht christianisierten“ Regionen außerhalb Europas beschränkt, so beinhaltet das heutige Verständnis von Mission einen existentiellen Grundauftrag, der das gesamte Leben aller Christ*innen unabhängig vom geografischen und sozialen Ortbetrifft. Zudem hat sich die Katholische Kirche mittlerweile über den gesamten Globus verbreitet, während sie in ihren einstigen „Kernländern“ deutlich schrumpft. In diesem Sinn sind nach heutigem Verständnis nicht nur alle Weltregionen, sondern auch sämtliche Lebens- und Gesellschaftsbereiche Orte von Mission.