Die Welt des dritten Jahrtausends ist für die Reichen dieser Erde
"grenzenlos": geografische Distanzen werden mühelos überwunden,
digitale Medien ermöglichen jederzeit jegliche Informationen, "ewige"
Werte sind morgen schon "Schnee von gestern". Auch die Welt
der Religionen und der praktischen Religiosität der modernen Gesellschaften
ist ständig in Bewegung: Einerseits gehen immer mehr Menschen immer
bewusster auf Distanz zur Kirche, andererseits gibt es laut vielen Umfragen
einen "Megatrend Religion". Für ihre private Spiritualität
stellen sich Menschen heute oft ein "individuelles Menü"
zusammen.
Die Welt des dritten Jahrtausends wird für die Armen dieser Erde
immer enger: Mehr als eine Milliarde Menschen lebt von weniger als einem
Euro täglich, 800 Millionen Menschen hungern. Neoliberale Wirtschaftsmodelle,
Naturkatastrophen und Pandemien wie HIV/AIDS bedrohen das tägliche
Überleben. In den Entwicklungsländern leben heute zwei Drittel
aller KatholikInnen.
Ist es angesichts dieser Tatsachen noch zeitgemäß von "Mission"
zu sprechen?
Was heißt in dieser Situation "Mission"? Wer muss hier
wen "missionieren"? Wie kann Kirche den Prozess der Globalisierung
mitgestalten?
Gottes Geschichte mit den Menschen will ein Bund des Lebens sein. Die Frohbotschaft von diesem "Gott des Lebens" in der Bibel ist Verheißung und Hoffnung für alle Menschen. Gott gibt sich als der Befreier zu erkennen, der mit dem geknechteten Volk solidarisch ist und auf der Seite der Armen steht. Die Propheten Gottes verstehen vor allem die Gerechtigkeit gegenüber den Armen als den wahren Gottesdienst.
Die Katholische Kirche leitet ihre weltweite Sendung aus dem Glauben an Jesus Christus her, der gekommen ist, damit wir "das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Er ist gesandt, den Armen eine gute Nachricht zu bringen (vgl. Lk 4,18) Jesu Ansage dieses "Reiches Gottes" lässt die Welt und ihre Verhältnisse nicht wie sie sind. Darum verbindet er den Ruf, an dieses Reich zu glauben, mit dem Appell zur Umkehr. Sie ist nicht bloß eine individuelle Bekehrung, sondern die Einladung, als seine Jüngerinnen und Jünger am Aufbau dieses Reiches in allen seinen Dimensionen weltweit mitzuwirken. Das Evangelium war daher in der Geschichte der Menschen ein Ferment der Freiheit und des Fortschritts.
Die Katholische Kirche versteht ihre Aufgabe als Dienst am Reich Gottes. Diese "integrale Evangelisierung", der sie sich verpflichtet weiß, umfasst Grundfunktionen wie den Dienst am Nächsten (Diakonia), die Verkündigung (Kerygma), den Gottesdienst (Liturgia), das Zeugnis (Martyria) und den Aufbau der Gemeinschaft (Koinonia). Diese sind engstens miteinander verbunden und ergeben erst zusammen ein lebendiges Bild des "Reiches" unter den Menschen.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Pastoralbegriff aus seiner engen Auslegung auf das Handeln der Priester und Bischöfe herausgeführt. Es hat deutlich gemacht, dass alle Mitglieder der Kirche - alle, die ihr durch Taufe und Firmung eingegliedert sind - beauftragt sind, pastoral zu handeln bzw. an der Pastoral mitzuwirken: Alle sind gerufen, zum Kirche-Sein in der Welt beizutragen und an der Sendung der Kirche zum Dienst am Reich Gottes in der Welt teilzunehmen. So ist es auch Auftrag aller, missionarisch zu sein und als Kirche so nach dem Evangelium zu leben, dass andere die Einladung zum Glauben annehmen können und dass die Kraft der christlichen Botschaft so in die Gesellschaft hineinwirkt, dass diese zum Wohle aller gestaltet wird. Pastoral umfasst dabei ebenso seelsorgliches Tun wie sozialen Einsatz; beides ist nicht voneinander zu trennen.
Es ist uns bewusst, dass derzeit das Wort "missionarisch" in
der Umgangssprache einen problematischen Klang hat. Auch wenn die Praxis
von katholischen Missionaren dies nicht rechtfertigt, wird oft mit dem
Wort "Mission", "Bevormundung, Vereinnahmung, und Indoktrination"
assoziiert.
Selbstverständlich bleibt der Auftrag zur Weltmission, das Evangelium
zu allen Menschen und Völkern zu bringen, auch für uns hierzulande
aufrecht.
Der Kirche ist das Engagement für die Mission und die Entwicklungszusammenarbeit
aufgetragen. Es stellt die unverzichtbare Brücke zwischen unserer
Ortskirche und der weltweiten Kirche dar.
Die Unterstützung gilt besonders dem Aufbau von christlichen Gemeinschaften,
dem interreligiösen Dialog, der Inkulturation des Evangeliums und
der vorrangigen Option für die Armen (RM 52-59) , also einer evangelisierenden
Mission, die auf die ganzheitliche Entwicklung der Menschen hinzielt.
Teil der Weltkirche zu sein bedeutet auch, Mitverantwortung und Sorge
für die gesamte Weltkirche zu tragen. Ein Christentum, das sich in
den eigenen Diözesan- oder Pfarrgrenzen abkapselt, hätte die
universale Sendung der Kirche noch nicht erkannt.
Das Gesicht der Kirche hat sich grundlegend geändert: Von einer
West-Kirche ist sie zur Welt-Kirche geworden. Sie wächst und hat
geistliche Berufe und engagierte MitarbeiterInnen gerade in Regionen,
in denen sie weder mächtig noch reich ist. Materiell arme Ortskirchen
senden ihre Glaubensboten aus, und so ist es heute schon die Regel, dass
die Missionare nicht aus Europa oder Nordamerika, sondern aus den Ländern
Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas kommen. Außerdem sind es vermehrt
Frauen, die im Dienst der missionarischen Verkündigung in Ländern
fern ihrer Heimat stehen - nach Jahrhunderten, in denen die Missionare
fast immer Männer waren. Schließlich wuchs in den letzten Jahrzehnten
mit krisenhaften Entwicklungen der Kirche in Westeuropa und mit dem Ende
des Sowjetkommunismus das Bewusstsein, dass auch Europa Missionare/innen
braucht.
Mission geschieht in den fünf Kontinenten in unterschiedlichsten
"missionarischen Situationen", die nach dem Bezeugen der Frohen
Botschaft schreien. Dazu gehört das materielle Elend und die Verrohung
der Gesellschaft in Lateinamerika genauso wie die kulturelle Entwurzelung
in Afrika oder Ozeanien, die spirituelle Austrocknung in Europa und die
religiös motivierten Konflikte in Asien, um nur einige Beispiele
zu nennen.
Die Missionsgeschichte kennt großartige Zeugnisse und heroische
Lebenshingabe von Missionarinnen und Missionaren. Unsere Heimat verdankt
iro-schottischen Mönchen und vielen Klostergründungen sowohl
die Christianisierung als auch die Kultivierung. In vielen Teilen der
Welt ging die Vermittlung des Glaubens Hand in Hand mit dem Einsatz für
die Bildung und die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Menschen.
Immer wieder haben Menschen durch die Jahrhunderte in allen Teilen der
Welt die Frohe Botschaft in Wort und Tat verkündet. Durch Schulen,
Spitäler und andere Sozialwerke standen auch Missionarinnen und Missionare
seit jeher im Dienste des Menschen. Wir müssen allerdings bekennen
und bedauern, dass auch viele Fehler begangen wurden und die Verkündigung
des Evangeliums auch anderen Interessen gedient hat.
Zu diesen schwerwiegenden Fehlformen der Mission kam es durch eine mangelnde Trennung von Staat und Religion, durch einen unreflektierten Ethnozentrisums, aber auch einseitige bzw. falsche Interpretation der biblischen Botschaft. Durch die Fehler der Vergangenheit fällt Schatten auf das Evangelium und seine Verkündigung. Aus einem wachen Bewusstsein dafür war es Papst Johannes Paul II ein großes Anliegen, im Jubeljahr 2000 im Namen der Katholischen Kirche eine große öffentliche Vergebungsbitte zu sprechen. Ausdrücklich bat der Papst um Verzeihung für die Durchsetzung der Wahrheit durch Zwang, für Methoden der Intoleranz oder Verfehlungen gegen andere Religionen und Kulturen.
Der christliche Glaube beinhaltet die Hoffnung auf Vergebung und Neubeginn.
Jeder einzelne Mensch und auch die Kirche ist fähig, aus positiven
Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen und das eigene Handeln
zu erneuern. Der kritische Blick in die Vergangenheit macht uns auch sensibler
für die Beschränktheit des eigenen Horizontes und die Unvollkommenheit
unseres heutigen Handelns. Wenige Jahrzehnte liegt es zurück, dass
(auch kirchliche!) "Dritte-Welt"-Organisationen mit einem großen
Entwicklungsoptimismus westliche Technologie und Modelle des Wirtschaftens
in andere Kontinente exportierten, ohne genügend wahrzuhaben, dass
diese Modelle auf einen Raubbau an der Natur und eine Zerstörung
der Lebensräume auf der Erde hinauslaufen. So ist es in keiner Zeit
den Menschen erspart, ihre "blinden Flecken" zu haben und Fehler
zu machen. Und trotzdem gilt ihnen zu jeder Zeit der Ruf, das Evangelium
durch ihr Leben zu bezeugen und es - ob gelegen oder ungelegen - zu verkünden.
Auch wenn es die Mission der Kirche ist, die Liebe Gottes allen Menschen zu offenbaren, so gibt es doch verschiedene Aufgaben und Tätigkeiten. Unter dem Blickpunkt der Evangelisierung betrachtet, kann man heute drei Situationen unterscheiden:
Deutlich wird, dass die Mission ad gentes mit karitativer Arbeit einhergehen muss: "Die Gemeinschaft der Gläubigen in Christus weiß sich von diesen unmenschlichen Situationen herausgefordert. Die Verkündigung Christi und des Reiches Gottes muss für diese Völker zu einem menschlichen Instrument der Erlösung werden." (RM 37)
Die Menschen aller Völker und Kulturen erwarten sich von den Religionen
Antworten auf die großen Fragen ihres Lebens. Das verbindet Religionen
und Menschen. Auch in anderen religiösen Traditionen finden sich
"Saatkörner des Wortes" (logoi spermatikoi) (AG 11) . Es
sind dies Zeichen und Spuren der verborgenen Gegenwart Gottes. Die Wertschätzung,
die das Konzil den großen Weltreligionen entgegenbringt, kulminiert
im Satz: "Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was
in diesen Religionen wahr und heilig ist." (NA 2)
Die Mission der Kirche kann also zu Recht als Beitrag zum Frieden unter
den Menschen bezeichnet werden. Besonders dann, wenn in ihrer missionarischen
Tätigkeit auch der Dialog der Religionen einen wesentlichen Platz
einnimmt.
Durch das multiethnische Zusammenleben in vielen Gebieten der Welt, vor allem in den Städten, wird die religiöse Pluralität stärker spürbar. Weltweit betrachtet, machen heute die ChristInnen der verschiedenen Konfessionen und Gemeinschaften knapp ein Drittel der Weltbevölkerung aus. Davon gehört die Hälfte der Katholischen Kirche an, die seit Beginn des neuen Jahrtausends über eine Milliarde Mitglieder zählt. Rund 20 Prozent der Menschheit sind Muslime, 13 Prozent Hindus, jeweils 6 Prozent Buddhisten und Mitglieder der chinesischen Religionen.
Diese neue erfahrbare Vielfalt der Religionen stellt das Christentum vor große Herausforderungen. Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass der Friede zwischen den Religionen auch ein Beitrag zum Weltfrieden ist. Für viele Menschen heute ist aber gerade der Wahrheitsanspruch des Christentums eine Ursache von Konflikten. Demgegenüber hält die Kirche fest, dass sich Toleranz und eindeutige eigene Position nicht ausschließen. Toleranz bedeutet nicht, dass wir im Gespräch mit anderen Religionen die Unterschiede kaschieren, sondern dass wir sie im Respekt voreinander aushalten. Wir suchen die Nähe zu Vertretern anderer Religion in einer dialogischen Begegnung.
Der interreligiöse Dialog ist unabdingbar für ein friedliches und versöhntes Miteinander der Religionen. Er gehört als integraler Bestandteil zum Evangelisierungsauftrag der Kirche. Durch den Dialog wird aber die Verkündigung nicht ersetzt. Nach heutigem Verständnis geht es um einen vierfachen Dialog:
Inkulturation ist ein Prozess der Ortskirchen, der sich auch auf die Gesamtkirche auswirkt. Es geht darum, dass in der Kraft des Geistes Gottes - der in jeder Kultur immer schon am Wirken war - und unter dem Anspruch der "Neuheit" des Evangeliums, die Menschen ihre politische, soziale, wirtschaftliche und religiöse Umwelt vervollkommnen. Die Menschen in den unterschiedlichen Kulturen sollen als Hörer des Evangeliums diese Frohe Botschaft von der Erlösung in Jesus Christus von ihrer je eigenen Kultur her ausdrücken.
Da in vielen Gebieten der Kirche des Südens, der Großteil der Menschen von Armut geplagt wird, ist die Sorge um die Armen vor allem in den letzten Jahrzehnten zu einem wesentlichen Teil der Mission geworden. Der Grund für diese Option ist die Überzeugung, Gott in den Armen zu begegnen. Jesus selbst identifiziert sich mit den Hungernden und Durstenden, den Fremden und Obdachlosen und bezeichnet den Dienst an ihnen als Dienst an ihm selbst. Der Einsatz für die Armen und Ausgeschlossenen ist also ein zentrales Kennzeichen der Jüngerschaft Jesu.
Da die Verkündigung und die Förderung des Menschen so eng zusammengehören, gehören die Armen zu den vorrangigen Adressaten der Botschaft Jesu. Dazu gehört alles, was die reale Freiheit erweitert: materielle Grundversorgung, Menschenrechte und demokratische Entwicklung, gerechte und umweltverträgliche Wirtschaftsordnung, Schutz des Lebens und der Familie, gerechte Friedensordnung und ethisch verantwortete Gestaltung der Globalisierung. Partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit, Kampf gegen Hunger und Krankheit, Einsatz für Bildung und Menschenrechte sind daher Eckpfeiler christlicher Mission. Auch wenn die konkrete Gestaltung den politischen Verantwortlichen der Nationen unterliegt, hat doch die Kirche den Auftrag, als Anwältin der Armen diese Aufgaben einzumahnen.